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Zufall Mensch
Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur
Steffen Jay Gould
Carl Hanser Verlag München Wien 1991
Gould, Evolutionstheoretiker und Paläontologe untersucht, ob es eine "fortschrittsorientierte" Evolution gibt, die zwangsläufig höher entwickeltes Leben entwickelt hat oder ob die Evolution durch Zufälle geprägt ist. Ausgangspunkt seiner Überlegung ist eine Entdeckung: Vor etwa 530 Mio. Jahren gab es einen Erdrutsch in der Gegend der heutigen Rocky Mountains. Die dort aufgefundenen versteinerten Meerestiere sind Überreste einer Wirklichkeit, deren Entschlüsselung eine wissenschaftliche Revolution bedeutet. Diese Fossilienfundstätte, der "Burgess Shale", ist das Fenster in die Urzeit des Lebens.
Die Funde haben eine erstaunliche Vielfalt an anatomischen Strukturen, an Bauformen zum Vorschein gebracht. Es sind viel mehr als heute. Von den etwa 25 identifizierten Baumustern haben nur fünf bis heute überlebt. Ihren evolutionären Erfolg verdanken sie nicht ihrer besonderen Lebenstüchtigkeit und Anpassung, sondern einem Spiel aus Zufall, in dem geologische Verschiebungen, Klimaschwankungen, ökologische Katastrophen andere Arten vernichteten.
Zur Illustration seines Themas verweist Gould auf einen Film "It´s a Wonderful Life". Dort läßt ein Schutzengel das Band des Lebens noch einmal ohne den Hauptdarsteller ablaufen und beweist, daß scheinbar unbedeutende Dinge in der Geschichte von ungeheuerem Einfluß sind (Planbarkeit! WB).
Die Funde der wirbellosen Tiere aus dem Burgess Shale sind die bedeutendsten tierischen Fossilien der Welt. 15-20 Burgess-Arten können mit keiner heute bekannten Gruppe in Verbindung gebracht werden und sind Stämme eigener Art. Die Geschichte des Lebens, daß zeigt Burgess, ist eine Geschichte der massenhaften Beseitigung von Lebensentwicklungen, gefolgt von einer Differenzierung innerhalb weniger überlebender Stämme, und eben nicht die altbekannte Erzählung von stetig zunehmender Leistung, Komplexität und Vielfalt. Gould widerspricht all den Darstellungen, die die allmähliche Entwicklung des Menschen als logische Entfaltung aus den Affen darstellt. Schimpansen sind nicht unsere Ahnen, sondern moderne Vettern des Menschen. Der Neandertaler war vermutlich ein naher Verwandter, der einer anderen Art angehörte, aber kein Vorfahre des Menschen (andere Auffassung evtl. Wills). Er widerspricht insbesondere "der Zwangsjacke des linearen Fortschritts". Das Wort Evolution selbst wird zu einem Synonym für "Fortschritt". Aber, so Gould:
Das Leben ist ein sich üppig verzweigender Busch, der durch den Sensenmann ständig beschnitten wird, und keine Leiter des vorhersagbaren Fortschritts.
Wollen wir in einer Welt, die bis zum letzten Augenblick ohne uns funktionierte, die zentrale Stellung des Menschen behaupten, so müssen wir alles, was vorausging, als eine große Vorbereitung auf unsere schließliche Entstehung begreifen (Seite 43). Wir wissen heute, daß die einfacheren Geschöpfe in ihrer überwältigenden Mehrheit keine Vorläufer oder auch nur Prototypen des Menschen sind, sondern nichts anderes als benachbarte Zweige am Stammbaum des Lebens (Seite 43). (Besonders schönes Beispiel von Mark Twain über den Eifelturm Seite 43). Nach Gould gibt es nichts, was die Ikonographie des Kegels bei der Entwicklung des Menschen stärker in Frage stellte, als die Rekonstruktionen der Burgess-Anatomie.
Am Schluß bringt Gould die Geschichte der Pikaia. Dabei handelt es sich um ein Chordatier, das nach heutiger Erkenntnis eine direkte Verbindung zwischen der Burgess-Dezimierung und der Evolution zum Menschen darstellt. Hätte Pikaia nicht überlebt, gäbe es heute nicht den Menschen, wären wir aus der künftigen Geschichte ausgetilgt, und zwar alle, vom Hai über das Rotkehlchen bis zum Orang-Utan. Dennoch: Damals hätte gewiß kein objektiver Betrachter ausgerechnet diesem Tier große Überlebenschancen eingeräumt. Wenn der Mensch existiert, dann muß die Antwort zumindestens heißen: Weil Pikaia die Burgess-Dezimierung überlebte (vor 530 Mio. Jahren). Dieses Überleben war wohl keine gesteuerte Entwicklung, sondern Zufall, Kontingenz der Geschichte. Eine höhere Antwort kann man dazu nicht geben.
Versucht man, Kontingenz greifbar zu machen (Seite 336) so zeigt sich: Nichts ist so launenhaft und unvorhersehbar, wie klimatische oder geographische Entwicklungen. Wenn deshalb das Leben tatsächlich darin besteht, sich auf die jeweilige Umwelt einzustellen, dann muß Kontingenz, Zufall, herrschen. In Darwins System ist deshalb Kontingenz nicht logische Folge seiner Theorie, sondern zentrales Thema für sein Leben und Werk. Darwin hat Kontingenz als Hauptbeweis für die Tatsache der Evolution angeführt. Der primäre Beweis für die Evolution liegt auch nach Darwin in den Merkwürdigkeiten und Unvollkommenheiten, die die Pfade der Geschichte enthüllen.
Gould stellt dann die Kontingenz an verschiedenen Entwicklungen in der Geschichte des Lebens dar. Burgess war kein Sonderfall!
- Die meisten Entwicklungsdiagramme, vor allen Dingen bei wirbellosen Tieren aus dem Meer zeigen eine "schwanzlastige Entwicklung". Das heißt: Am Anfang war die Vielfalt sehr groß, wird dann deutlich verengt und weiterhin in einigen restlich verbleibenden Arten aufgefächert. Es gibt also keinen Kegel der wachsenden Vielfalt. Es ist umgekehrt.
- Es gibt viele Fälle des Massensterbens. Wenn das "Massensterben"wie eine echte Lotterie funktioniert (Seite 344) dann ist die Kontingenz erwiesen. Dann spielt der Zufall die entscheidende Rolle. Raup hat den Artenverlust bei der permisisch-triassischen Katastrophe auf 96 % geschätzt. Deshalb haben einige Gruppen wohl "durch Pech" verloren (= Zufall).
Nach Gould spielt beim Massensterben nicht nur der echte Zufall eine Rolle. Die meisten Überlebenden haben aus ganz bestimmten Gründen überlebt. Er hat die starke Vermutung, daß die Merkmale, die im Fall eines Massensterbens das Überleben fördern, in dieser Funktion meistens nicht mit der Ursache zu tun haben, um deretwillen sie sich zunächst entwickelt haben.
- Beispiel: Das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren:
Die Säugetiere haben dieses große Sterben wahrscheinlich deshalb überlebt, weil sie klein waren, nicht etwa, weil sie gegenüber den Dinosauriern anatomische Vorzüge aufgewiesen hätten. Die Säugetiere waren klein geblieben, weil die Dinosaurier die Welt beherrscht haben.
Die Säugetiere waren die ersten 100 Mio. Jahre, 2/3 ihrer Geschichte, kleine Geschöpfe in den Winkeln und Ritzen einer Dinosaurierwelt. Die 60 Mio. Jahre ihres Erfolges nach dem Abtreten der Dinosaurier waren so etwas wie ein "Nachtrag". Wären die Säugetiere spät entstanden und hätten sie dazu beigetragen, die Dinosaurier in den Untergang zu treiben, dann könnte man ein Szenario des "erwarteten Fortschritts" entwerfen. Doch: die Dinosaurier starben nur in Folge eines gänzlich unvorhersehbaren Ereignisses aus. Wahrscheinlich der Meteoriteneinschlag. Wären sie damals nicht umgekommen, dann würden sie wohl noch immer den Bereich der großen Wirbeltiere beherrschen, die Säugetiere wären immer noch die kleinen Geschöpfe in ihrer Lücke der (Saurier) Welt. Auf unserem Planeten hätte sich kein Bewußtsein entwickelt, wären die Dinosaurier nicht einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen.
- Beispiel: Die Landwirbeltiere:
Landwirbeltiere konnten entstehen, weil eine kleine Gruppe von Fischen ein Extremitätenskelett entwickelte, mit einer starken senkrecht zum Körper verlaufenden Zentralachse. Dies war eine ganz kleine Gruppe von Fischen, abseits der Hauptlinie. Ein "Beobachter" hätte damals ausgerechnet diesen Fischen keine große Überlebenschance eingeräumt. Und dennoch sind sie die Voraussetzung unserer heutigen Existenz. Unvorhersagbarkeit muß herrschen, wenn geologische Langlebigkeit angewiesen ist auf zufällige vorteilhafte Nebenwirkungen von Eigenschaften, die aus anderen Gründen entwickelt wurden (Seite 347). Die allgemeinen Muster der Evolution implizieren, daß bestimmte Ergebnisse nicht vorausgesagt werden können (Seite 348).
Allerdings: Die Entstehung des Lebens selbst ist kein Zufall. Aber: von 3,5 Mrd. bis etwa 1,4 Mrd. beherrschten die Stromatolithen die Meere. Weitere 1,0 Milliarde Jahre gab es dann als Verbesserung nur die eukaryontischen (Seite 349). Weit mehr als die Hälfte der Geschichte des Lebens gehört also allein diesem ganz einfachen Zellen. Erst im letzten Sechstel der Zeit gibt es vielzellige Tiere. Solche Verzögerung und lange Vorlaufzeiten sind ein deutlicher Hinweis auf die Kontingenz und auf einen riesigen Bereich unrealisierter Möglichkeiten.
Geht man davon aus, daß die Sonne die Erde in rund 5,0 Millionen Jahren explodieren läßt, heißt dies: Da menschliche Intelligenz erst vor einer geologischen Sekunde entstand, stehen wir vor der verblüffenden Tatsache, daß die Evolution von Selbstbewußtsein rund die Hälfte der potentiellen Bestandsdauer der Erde in Anspruch genommen hat.
Der Mensch entstand wahrscheinlich als kleine Einheit, kleine Population in Afrika. Gould bezeichnet diese Theorie als "Entitätstheorie" der Evolution des Menschen. Der asiatische Homo ereckus starb ohne Nachkommen. Die Neandertaler waren eine verwandte Seitenlinie, sie gehören aber nicht zu unserem genetischen Erbe. Wir waren also eine ganz unwahrscheinliche kleine Einheit, die glücklicherweise Erfolg hatte. Das war nicht das vorhersehbare Endresultat einer weltumspannenden Tendenz. Wir sind ein Objekt, ein Detail der Geschichte, nicht eine Verkörperung allgemeiner Prinzipien. Hätten die Neandertaler die Fackel weitergetragen, wenn wir gescheitert wären, gäbe es die heutigen Menschen nicht. Die Seitenlinien "Homo erectus" und Neandertaler hatten hohe geistige Fähigkeiten, aber wohl nicht diese Entwicklung zum abstrakten Denken wie sie zumindest jetzt der Mensch hat.
Gould faßt diese gesamten Erkenntnisse in den einen Satz zusammen: Der Homo sapiens ist eine Entität, keine Tendenz.
© Prof. Dr. Beck 1997
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