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Lust und Schmerz
Ernst Pöppel
Goldmann-Taschenbuch 12656, 1995
Ernst Pöppel, einer der einflußreichsten Hirnforscher in Deutschland, untersucht in diesem Buch die Strukturen, die Lust und Schmerz im Gehirn prägen.
Sein Ausgangspunkt:
Lust und Schmerz schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich. Damit setzt er sich im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Auffassung. Seiner Überzeugung nach sind alle Erlebnisse in dem Bereich erfaßt, der durch diese beiden Dimensionen definiert wird. Zwischen Lust und Glück unterscheidet er nicht. Vollkommene Gleichmut, von manchen Religionen als erstrebenswert dargestellt, ist unserer Seele fremd, künstlich. Lust und Schmerz stellen auch ein Bezugssystem dar, mit dem wir Sachverhalte und Ereignisse bewerten können.
Dies zeigt er in vier großen Kapiteln:
- Wie wird unser "Erleben" im Gehirn erlebt, also repräsentiert?
- Welchezeitlichen Regeln in unserem Gehirn schaffen die Bedingungen für das Erleben?
- Die Lust des Schauens.
- Lernen mit Lust und Schmerz. Extreme Lust- und Schmerzerlebnisse.
Pöppel geht davon aus: Zwischen psychischen und körperlichen Vorgängen gibt es keine Trennung. Gleich von Anfang an bittet er um Verständnis dafür, daß das Gehirn sich unserem letzten Verständnis wohl immer entziehen wird. Schließlich gibt es im menschlichen Gehirn Milliarden Zellen und Verknüpfungen, mehr Funktionszustände als Teilchen im Universum.
- Wie wird Psychisches im Gehirn repräsentiert?
Gewicht und Größe des Gehirns sind sicherlich kein Maßstab zur Bewertung der Leistungen. Es gibt drei Typen von Nervenzellen, die allen höheren Lebewesen gemein sind: sensorische, motorische und die dazwischen liegenden Zellen.
Alle drei Zellentypen werden als das "große intermediäre Netz" zusammengefaßt. Die motorischen Nervenzellen steuern unser Handeln und Sprechen, unser individuelles Verhalten. Es gibt davon etwa 2 bis 3 Millionen.
Die sensorischen Zellen dienen der Aufnahme von Informationen aus der Umwelt und aus dem Organismus, also Geschmack, Hören, Sehen, Riechen. Insgesamt handelt es sich dabei um 200 bis 300 Millionen Nervenzellen. Die restlichen Nervenzellen, etwa 200 bis 300 Milliarden (genau gezählt hat sie noch keiner), beschäftigen sich damit, alle Informationen, die sie erhalten, zu verarbeiten. Das heißt, die Anzahl der Nerven unterscheidet sich jeweils um den Faktor 100 (nach Pöppel: um den Faktor 1.000).
Die entwicklungsgeschichtlich Millionen Jahre dauernde Entfaltung hat uns mit einfachen "primitiveren" und komplexen Gehirnteilen "versorgt". Die älteren, primitiveren sorgen dafür, daß das innere Milieu unseres Organismus stabil bleibt, also Körpertemperatur, Atmung und dergleichen geregelt wird. Dies ist auch die Hauptaufgabe unseres Organismus. Nach Auffassung von Pöppel steht auch unser gesamtes höher entwickeltes Hirn im Dienst der Erhaltung dieses inneren Milieus. Alles was später entwickelt wurde, dient nach dieser "biologischen" Auffassung primär dem Zweck, die primitiven Grundbedürfnisse besser zu erfüllen und das leibliche Wohlbefinden zu garantieren.
Gerade durch den heutigen Bauplan des Gehirns muß man deshalb von einer geschlossenen Einheit unseres Erlebens und Verhaltens ausgehen, da alle Verhaltensweisen nicht nur an einem singulären Fleck "geregelt" sind, sondern vielfältige Verknüpfungen im Gehirn haben, wenn es auch Schwerpunkte gibt. Obwohl es Milliarden Zellen im Gehirn gibt: jede Zelle ist zu jeder anderen nur durch vier Zwischenstationen entfernt (ähnlich bei den Nahrungsketten in der Natur).
Da das Gehirn vorstrukturiert ist, sind unsere Einstellungen und die "vorprogrammierten" Reaktionsweisen maßgebliche Mitbestimmung für das, was wir wahrnehmen und erleben. Wir sehen also nicht, was ist, sondern wir sehen, was wir wahrnehmen können - oder wollen. Man spricht daher von einer "genetischen Verankerung der kategorialen Wahrnehmung".
- Wie geschieht Sprache?
Sprachliche Kompetenz ist dem Menschen angeboren. Die Eltern entscheiden nicht darüber, ob ein Kind spricht, sondern welche Sprache es spricht. Sprache erfordert sieben unterschiedliche "Kompetenzen", wenn wir als Gesprächspartner ernst genommen werden wollen.
- Die semantische Kompetenz legt fest, daß die Äußerung auch einen sprachlich verstehbaren Sinn hat.
- Die kognitive Kompetenz setzt voraus, daß das, was gesagt wird, auch richtig ist.
- Die soziale Kompetenz setzt voraus, daß der Sprecher die Wechselbeziehung, das Einbeziehen eines anderen, voraussetzt.
- Die lexikalische Kompetenz: Der Sprachsatz.
- Die syntaktische Kompetenz: Die Kenntnis der Regeln.
- Die Lautkompetenz: Die Kenntnis der Sprechartikulation.
- Die prosodische Kompetenz: Die Ausdrucksfähigkeit, die einem Satz erst durch die Betonung Sinn gibt. Es umfaßt alles, was hier mit Intonation, Betonung, Sprachmelodie usw.
Gerade diese letzte Kompetenz ist entscheidend für die Vermittlung von Gefühlen. Ohne sie ist unsere Sprache nackt. Sie ist z. B. bei einer freien Rede vorhanden, aber nicht, wenn ein Redner abliest. Unser Gehirn denkt in Zeitabschnitten. Sie sind am kürzesten beim Ohr, etwas kürzer bei Hautreizen und relativ am längsten beim Auge. Dort müssen 20/000stel Sekunden Unterschied vorhanden sein, um Reize als unterschiedlich zu erkennen.
Das akustische System bietet deshalb die beste und unser visuelles System die schlechteste zeitliche Auflösung. Der Unterschied ist zehnmal so groß. Auch wenn das Ohr zehnmal schneller erkennen kann, daß es einen unterschiedlichen Ton gegeben hat als das Auge den unterschiedlichen visuellen Reiz erkennt: um festzustellen, welcher Reiz der erste oder der zweite war, braucht es in beiden Fällen etwa den gleichen Zeitraum, nämlich 30/000stel Sekunden.
Offenkundig ist dieses "Ordnungssystem" durch Prozesse im Gehirn geregelt, die nichts mit der physischen Erfassung der Außenreize zu tun haben. Dieser Zeitraum von 30/000stel Sekunden ist eine "schnell gehende Uhr", die es uns überhaupt erst erlaubt, Entscheidungen zu treffen. Man kann also sagen: Unser Entscheidungsraster kann nicht schneller sein als 30/000stel Sekunden. Man vermutet deshalb, daß es dafür einen "zentralen Taktgeber" im Gehirn gibt.
Es gibt deshalb im Gehirn auch kein gleichzeitiges Vorhandensein von Vergangenheit und Zukunft, immer nur Gegenwart. Vergangenheit ist nur präsent als ein gegenwärtiger Gedächtnisinhalt und Zukunft nur als gegenwärtige Erwartung des Kommenden.
Die Sprache ist eingebettet in ein universelles zeitliches Grundmuster. Äußerungen bilden jeweils Einheiten von 2 bis 3 Sekunden. Dies wird als eine Einheit gesehen. Jenseits dieser Grenze gibt es keine Einheit mehr. Die Fähigkeit, Zeiten zu messen, ist unterschiedlich. Am Vormittag sind objektive 10 Sekunden etwa 11, mittags 9 Sekunden und am Abend können sie sogar über 11 Sekunden hinauswachsen.
Für den Körper gibt es tagesperiodische Abläufe, die von uns - im Normalfall - nicht beeinflußt werden. Diese "Phasenkarte" zeigt völlig unterschiedliche Verhaltensweisen unserer seelisch-körperlichen Gesamtheit über den Tag hinweg, und damit auch über das Jahr hinweg. Im übrigen: Die innere Uhr des Menschen gibt ihm nicht 24 Stunden, sondern 25,5 Stunden Tageslänge vor. Im Schlaf gibt es bei einem gesunden Menschen eine zeitliche Strukturierung von 90 Minuten Traumschlaf und anderen Rhythmen. Vielleicht gibt es auch in unseren wachen Zeiträumen eine ähnliche Gliederung?
- Die Lust des Schauens
Dem visuellen System ist in unserem Gehirn bei weitem am meisten Platz eingeräumt. Ist der Sehapparat beispielsweise gestört, hat unser Gehirn die Fähigkeit, unvollständige Informationen zu ergänzen. Teilweise Erlebtes oder teilweise Information wird so zu einer Prägung geführt, die keineswegs der Wirklichkeit entsprechen muß, jedenfalls nicht der objektiven Wirklichkeit, sie stellt aber das subjektiv Erlebte dar. Besonders eigenartig: Eindrücke, die wir im Zustand der Ermüdung oder der Erschöpfung aufgenommen haben, scheinen sich in sehr viel tieferer Weise einzuprägen als solche, bei denen wir körperlich frisch sind.
Proben haben ergeben, daß die rechte Gesichtshälfte eher dem eigentlichen Gesicht entspricht, als die linke. Das linke Gesicht ist nur dominant bei emotionalen negativen Emotionen, also bei Ekel, Ärger, Trauer, Furcht oder Überraschung. Nicht für Freude. Affektiv geladene Bilder haben ihre Zentren daher eher auf der linken Bildseite. Dies gilt jedenfalls für nicht abstrakte Bilder. Daher müssen solche neuro-psychologischen Gesichtspunkte bei der Analyse ästhetischer Wirkungen miteinbezogen werden.
Die menschliche Natur ist relevant für die menschliche Kultur. Im übrigen ergänzt das Auge, macht Unscharfes scharf und zeigt uns so ein Bild der Welt, das unseren physikalischen Möglichkeiten entspricht, nicht unbedingt den "Tatsachen". So hat unser Gehirn beispielsweise die Fähigkeit, Unterschiede zu akzentuieren, obwohl diese Unterschiede in der Natur gar nicht vorliegen, z. B. Kanten bei Bildern.
Versuche haben ergeben: Unser Gehirn kann immer nur einen Vorgang auf einmal erkennen. Wenn wir angeblich "gleichzeitig mehrere Dinge" erleben, werden sie in Wirklichkeit in kurzen Abständen hintereinander erledigt. Dies zeigt sich besonders schön an den Bildern von M. C. Escher. Selbst wenn man sich auf einen Aspekt der Bilder konzentriert: Nach zwei bis drei Sekunden fällt das Bild um. Das ist die Zeit, die sich bereits aus anderen Versuchen als Meßbereich für die zeitliche Dauer unserer subjektiven Gegenwart ergab. Wahrscheinlich gilt hier das gleiche Organisationsprinzip.
Wir haben also im Gehirn keine "zeitliche Kontinuität" für das Bewußtsein, sondern "Bewußtseinsfenster" von einigen Sekunden Dauer. Der Grund für diese Gliederung liegt einmal in der Fähigkeit des Gehirns, zeitliche Gestalten zu bilden und zum anderen in der "Neugier" des Gehirns. So wie sich ein Objekt in unserem Bewußtsein repräsentiert, weicht es in doppelter Weise von der physikalischen Realität ab: Zeitlich und räumlich. Zeitlich, weil unser Bewußtsein nicht der Kontinuität der physikalischen Zeit entspricht, und räumlich, weil unser Wahrnehmungshintergrund nicht der objektiven Metrik des physikalischen Raums entspricht. Besonders wichtig jetzt die Schlußfolgerung:
Unsere Wahrnehmung ist immer auf der Suche nach einem wahrnehmbaren Objekt. Ist ein definierbarer Gegenstand vorhanden, wird die beste Hypothese ausprobiert und als Deutung "aufgestülpt". Unsere Wahrnehmung versucht immer eine möglichst gute prägnante Gestalt ins Bewußtsein zu heben. Für die Wahrnehmung gibt es kein Chaos. "Lust nach Ordnung" (auch Taxophilie). Dies ist nach Pöppel ein Grundphänomen der menschlichen Natur. Er schlägt dafür den oben erwähnten Begriff vor.
Nicht nur die Zeit wird nicht "zeitlich" abgebildet, auch der Raum wird im Gehirn nicht "räumlich" übernommen. Vielmehr ist der Raum aufgeteilt nach Kategorien. Das Gehirn orientiert sich an Linien, an der Farbe und auch an der Geschwindigkeit. Alle diese Informationen werden an verschiedenen Stellen gespeichert. Wie sie wieder zusammengefügt werden, ist uns noch ein Rätsel. Vielleicht gibt es einen solchen zentralen Ort gar nicht, bzw. nur als "virtuelle" Instanz.
Aufgrund der zeitlichen Strukturierung der Hirntätigkeit, also der Herstellung von Gleichzeitigkeit überall im Gehirn und der zeitlichen Integration von Informationen in eine gegenwärtige Gestalt, leite ich (Pöppel) die Hypothese ab, daß alles, was in diesem zeitlichen Rahmen an Aktivität an verschiedenen Orten im Gehirn abläuft, das Wahrnehmungserlebnis selbst ist.
- Lernen mit Lust und Schmerz
Zwar ist ein genetisches Repertoire vorhanden, das als Orientierungspräferenz nicht in das Gehirn hineingelernt werden muß. Nach der Geburt besteht aber eine sensible Phase von "Gehirnplastizität", innerhalb derer Umwelteinflüsse auf das Gehirn einwirken können. Das Gehirn "öffnet" sich, um prägende Seheindrücke aufzunehmen. Das genetische Repertoire für Sehen ist vorhanden, es bedarf aber der Bestätigung durch Umweltreize. Das gleiche gilt etwa für die Sprache. Wobei diese Offenheit unseres Gehirns für die Sprache beispielsweise mit etwa 10 Lebensjahren vorbei ist. Eigene Aktivität ist entscheidende Voraussetzung für die richtige Anpassung an die Umwelt. Wir müssen uns die Welt "erarbeiten".
Im Gehirn gibt es ein "Vergnügungsviertel", den Hypothalamus. Wenn der Hypothalamus gereizt wird, sendet er als Boten u. a. Dopamin aus. Es erweckt "Lust". Eine Ratte, der man durch eine Versuchsanordnung die Möglichkeit gab, sich selbst zu reizen, und zwar positiv zu stimulieren durch Reizen des Hypothalamus, hat dies fünfhundertmal in der Stunde ausgelöst, bis die Versuchsanordnung unterbrochen wurde. Auch wenn sie nur durch Schmerz das Lustempfinden erfüllen konnte, hat sie den Schmerz in Kauf genommen. Offensichtlich lassen sich verschiedene psychische Funktionen im Gehirn dadurch auseinanderhalten, daß in dem neuronalen Netz manche Zellen durch bestimmte chemische Eigenschaften ausgezeichnet sind und so voneinander getrennte Funktionen repräsentieren können. Solche Nervenzellen haben die gleiche Chemie und können deshalb über Sendboten "zusammenfinden". Sie sind für die entsprechenden Erlebnisse, seien sie angenehm oder unangenehm, zuständig. Für die angenehmen Erlebnisse stellt Dopamin einen Sendboten dar.
Pöppel untersucht das "Lernen". Zwar reden wir im Deutschen nur mit einem Begriff. Die Sprache spiegelt aber hier Einheit vor, wo sie gar nicht vorhanden ist. Es gibt mindestens fünf verschiedene Formen von Lernen. Alle werden im Gehirn unterschiedlich berücksichtigt.
Habituation, das ist die Gewöhnung oder Anpassung an eine bestimmte Situation. An gleichbleibende Sinnesreize gewöhnen wir uns mit einer Ausnahme: An Schmerzen gewöhnt man sich nicht. Habituation sorgt dafür, das Gleichbleibende aus dem Bewußtsein auszublenden.
Psychomotorisches Lernen:
Alle jene Tätigkeiten, in denen unsere Sinne trainiert werden, oder in denen wir eine neue Bewegungskoordination erwerben.
Prägung:
In der Prägungsphase besteht nur eine vorübergehende Offenheit des Gehirns, bestimmte Objekte wahrnehmungsmäßig und erlebnismäßig aufzunehmen. Besonders bekannt ist die Nachlaufprägung bei jungen Tieren. Durch Prägung wird eine Bezugsperson bestimmt, auch menschliche Gefühlsentwicklungen geprägt. Im ersten Lebensjahr wird wahrscheinlich das Vertrauen in die Welt geprägt. Typisch für die Prägung ist, daß das junge Lebewesen nur wenige Male mit dem Objekt in Kontakt gekommen sein muß, auf das es geprägt wird.
Lernen durch bedingten Reflex:
Ausgangspunkt ist eine uns angeborene Reflextätigkeit. Es gibt eine praktische Tätigkeit, wenn wir aufgrund unserer Erfahrung eine Assoziation zwischen Situationen herstellen (Beispiel: Blutabnahme).
Lernen durch Versuch und Irrtum:
Diese Form führt uns in das Lustzentrum zurück und macht dessen Bedeutung für das Lernen recht deutlich. Richtiges Lernen ohne Bedürfnisbefriedigung, ohne Lust erscheint gar nicht möglich zu sein. Dieses Lernen wird auch als "operantes Lernen" bezeichnet. Eine Verhaltensweise, für die man Belohnung erhält, wird verstärkt. Wird man bestraft, wird die Verhaltensweise abgebaut. Das ist das "Effektgesetz" des Lernens. Die Lernmöglichkeiten beim operanten Lernen sind viel breiter als beim bedingten Reflex. Operantes Lernen geht übrigens auch bei unseren "inneren Organen". Die Vermindung des Blutdruckes kann man beispielsweise mit einem angenehmen Ton assoziieren. Aber: Diese Erniedrigung des Blutdruckes hat keinen Einfluß auf weitere Organe, wie beispielsweise das Eingeweidesystem. Daher ist das Bio-Feedback-Verfahren im allgemeinen nicht erfolgreich.
Auch die Eßlust wird beispielsweise aus einer Erlebnissituation in der Kindheit in der Regel geprägt, die irgendwann einmal das Essen als lustvoll betont hat. Das Übergewicht beim Menschen hat fast immer psychische Ursachen. Auch der Geschmack wird psychisch erst gebildet. Aber gerade die "Freßlust" ist typisch für die Verbindung von Lust und Schmerz. Man "frißt" zur Befriedigung der Eßlust. Gleichzeitig verbindet sich mit diesem lustvollen Erlebnis eine extreme Unlust. Man verachtet sich, weil man so ist wie man ißt.
Die jetzigen Gehirnstrukturen deuten darauf hin: Das Denken führt uns an eine Grenze, die nicht überschreitbar ist. Offenbar kann der menschliche Geist Probleme formulieren, aber nicht lösen, und zwar unter Umständen auch prinzipiell nicht lösen. Vielleicht ist gerade dies eine besondere Eigenschaft des menschlichen Verstandes, die uns von Tieren unterscheidet? "Der Mensch wäre damit jenes Wesen, das wegen seiner besonderen Intelligenz paradoxerweise in die Lage versetzt worden ist, für bestimmte Probleme zu wenig Intelligenz zu besitzen."
Bleibende Fragen lösen Angst aus. Man versucht, die Fragen zu beseitigen und die Antworten in ein übersichtliches Bezugssystem einzuordnen. Es werden, falls sich keine Antworten finden lassen, neue Bezugssysteme gebildet in Form von religiösen und außerwissenschaftlichen Systemen. Das ist wiederum die "Taxophilie". Unser Erklärungsbedürfnis ist dafür insbesondere der Versuch, monokausale Theorien zu finden. Alles Vorgefundene soll möglichst einfach zu ordnen sein. Doch dieses Bedürfnis führt vielleicht in die Irre, wenn wir beispielsweise die Grundlagen unseres Verstandes untersuchen wollen. Die multifaktorielle Deutung z. B., daß Intelligenz sowohl genetisch determiniert wie auch durch Erfahrung geprägt ist, ist für uns weniger befriedigend, offensichtlich aber zutreffend.
Pöppel bringt danach einige Belege dafür, daß Intelligenz sowohl genetisch als auch umweltbedingt ist.
Zu den intellektuellen Primärfähigkeiten gehört interessanterweise nicht Kreativität, da es bis heute nicht gelungen ist, für Kreativität eine sinnvolle objektive Beschreibung zu finden. Beobachtungen haben ergeben: Je größer eine Familie ist, umso geringer ist die Durchschnittsintelligenz der Gesamtfamilie. Je später die Geburtsposition eines Kindes in einer Geschwisterreihe ist, umso mehr nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, daß es etwas weniger Intelligenz als die älteren Geschwister zeigt. Um dies zu verstehen, muß man daran erinnern, daß man beim Lehren selbst am meisten lernt. Die Jüngeren können aber nicht in die Position des Lehrenden schlüpfen, ihnen entgeht somit eine Chance zur Übung und Entwicklung ihrer eigenen Intelligenz.
Bei Männern und Frauen gibt es einen maßgeblichen Unterschied in der Gehirnorganisation. Bei den Frauen sind die Gehirnhälften einander sehr viel ähnlicher als beim Mann. Dies macht den Mann anfälliger für Funktionsverluste nach Störungen in einer Hemisphäre. Verbale Reize bei einer Situation werden genau erkannt, wenn sie rechts vom Fixationspunkt sind, also in der linken Hemisphäre verarbeitet werden, und umgekehrt non-verbale Reizsituationen.
Das Denken der Chinesen sucht nicht nach solchen monokausalen Erklärungen wie der Europäer. Es ist von vornherein multikausal orientiert. Das chinesische Denken ist deshalb auch nicht analytisch, sondern eher integrativ. Gleichzeitig wenn Schmerz fehlt: Es fehlt ein lebenserhaltendes Element. Wer Schmerz nicht kennt, stirbt früher.
In der Schmerzforschung gibt es zwei Maße: Nämlich die Schmerzschwelle und die Schmerztoleranz. Die Schmerzschwelle ist überall gleich, die Schmerztoleranz aber sehr unterschiedlich. Die linke Seite des Menschen hat eine geringere Schmerztoleranz als die rechte. Eine heiße Bratpfanne sollte man deshalb besser mit der rechten Hand anfassen. Endorphine sind dort besonders häufig, wo Schmerz verarbeitet wird. Im Bereich des Neocortex gibt es kein Endorphin, mit Ausnahme eines kleinen Bereichs im Frontallappen. Akupunktur erhöht den Endorphinspiegel. Es greift also unmittelbar in den biochemischen Haushalt des Gehirns ein und verändert die Schmerzempfindlichkeit. Im Zustand der Trance werden intensiv En-
dorphine produziert, sodaß die Schmerzerfahrung abgeschnitten wird. Beim Orgasmus sind beide Gehirnhälften assoziiert. Die linke Gehirnhälfte bleibt praktisch unbetroffen, in der rechten Gehirnhälfte bricht eine "Revolution" aus. Der Orgasmus als Teil der Sexualität verstärkt die Bindungswirkung zwischen Mann und Frau, während dieses Erlebnisses werden erhöht Endorphine produziert.
Unsere Identität finden wir - nach Pöppel - im wesentlichen durch die intensiven Grenzerlebnisse, z. B. von Lust und Schmerz. Ohne sie kommen wir nicht aus. Der Mensch will dieses Bezugssystem immer wieder bestätigen. Geschieht nichts, verliert er das Gefühl der Identität. Meditation ist kein "heiliger Ort" des Erlebens, sondern ähnlich wie der Orgasmus eine Hemmung der Aktivität der rechten Hemisphäre. Gleiche Erlebnisse wie bei der Meditation treten im übernommenen Schmerz oder im Trancezustand auf. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Depression, wenn man nämlich kalt wird für Lust und Schmerz.
Pöppel faßt seine Erkenntnisse zusammen:
Gleichgültigkeit ist unserem geistig-seelischen Wesen fremd. Da wo Empfindung ist, ist der Mensch. Wo Empfindung ist, ist aber auch Lust und Schmerz und damit auch Begierde. Neugier ist ein Wesensmerkmal des Bewußtseins. Langeweile ist unnatürlich.
Pöppel beschäftigt sich dann mit der Frage, wie man denn nunmehr Lust als Wert unterscheidet von Lust als Unwert, außerhalb der sittlichen Normen liegend? Er geht dabei auf die Bedürfnispyramide von Nikolai Hartmann ein. Für die Gründung sittlicher Werte gehören die Dimensionen von Lust und Schmerz. Vielleicht ermöglichen sie überhaupt erst ein Wertgefühl und werden so als Bewertungskriterien benötigt?
Möglicherweise definieren sie auch den Grundwert selbst, da sie unserem Leben und Erleben existenznotwendig innewohnen.
© Prof. Dr. Beck 1998
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