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Die Logik des Mißlingens
Strategisches Denken in komplexen Situationen
Dietrich Dörner
Rowohlt-Verlag, 2. Auflage
Dietrich Dörner, Professor für Psychologie an der Universität Bamberg. Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft, hat mit umfangreichen und intensiven Versuchen die Planungsfähigkeit des Menschen getestet. Seine Einsichten sind oft verblüffend und immer wichtig.
Einige Ergebnisse vorweg:
Die Denkstruktur des Menschen ist geprägt durch die Entwicklungsgeschichtliche Festlegung. Danach ist die "Mechanik" des menschlichen Denkens in der Evolution "erfunden" worden, um kurzfristige Probleme zu bewältigen. Es ging sozusagen um das Feuerholz für den nächsten Winter. Die Fähigkeit zu langfristigen (zukunftssicheren) Voraussagen ist keine typisch menschliche Fähigkeit. Sie war offenkundig im Kampf um das Überleben nicht erforderlich. (Diese Erkenntnis von Dörner deckt sich im übrigen mit den philosophischen Grundsatzaussagen von Karl Popper, zu den Erkenntnisgrenzen des menschlichen Geistes und den Einsichten moderner Physiker, wie z. B. Max Delbrük sowie mit dem naturphilosophischen Ansatzpunkt von Konrad Lorenz).
Das Planungsverhalten des Menschen ist gekennzeichnet durch die großen Schwierigkeiten des Menschen, mit der Zeit umzugehen. Gerade die nicht vorhandene Fähigkeit, in die Zukunft, also in die Zeit hineinzudenken, führt zu der Tendenz, die Zukunft als Fortschreibung der Gegenwart anzunehmen ( S. 190). In diesem Zusammenhang gehört auch die mangelnde Vorstellungskraft als typische menschliche Lücke.
Dörner weist auch sehr nachdrücklich darauf hin: Es gibt kein Denken ohne die Gefühle; Planungen sind also in hohem Maße an die emotionale Ausgangssbasis des jeweiligen Menschen gekoppelt. Letztlich neigt der Mensch dazu, Erfolgskontrollen nicht durchzuführen. Solche Erfolgskontrollen könnten nämlich das eigene Sicherheitsgefühl beeinträchtigen.
Schließlich fehlt dem Mensch auch die Fähigkeit (sie ist ihm jedenfalls nicht angeboren), Probleme zusammenhängend zu sehen und die wechselseitigen Beeinflussungen verschiedenartiger Fragen zu erkennen. Das Übergewicht hat aus der historischen Entwicklung des menschlichen Gehirns das jeweils aktuelle Problem.
In computersimulierten Planspielen, die Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg zeitraffend darstellen, sieht Dörner die Möglichkeit, Grenzen und Fehler der Menschen im Planugsprozeß zu erfassen. Versuchspersonen hatten die Entscheidungskompetenz, auf die Dauer von 30 Jahren und mehr beispielsweise eine Gemeinde zu entwickeln, oder ein Entwicklungsgebiet in Afrika zu begleiten und zu unterstützen. Dabei zeigte sich zunächst, daß kein nennenswerter Zusammenhang zwischen Intelligenztestwerten und den Leistungen bei komplizierten Problemlösungen bestand. Die besondere Schwierigkeit der meisten Testpersonen war die "Vernetztheit" zu erkennen. Die Tatsache also, daß man gleichzeitig sehr viele Merkmale beachten muß und dies, obwohl der Informationsstand nie zuverlässig ist. Gerade die heutige Informationsflut und die stets verbleibende begrenzte Erkenntnisfähigkeit des Menschen führen Dörner zu der Erkenntnis:
"Das Realitätsmodell eines Akteurs kann nun richtig oder falsch, vollständig oder unvollständig sein. Gewöhnlich dürfte es sowohl unvollständig wie auch falsch sein und man tut gut daran, sich auf diese Möglichkeit einzustellen."
Dörner stellt immer wieder insbesondere diejenigen Tatsachen fest, die zu fehlerhaften Planungen führen.
- Wer zum Beispiel versucht, alle Informationen zu bekommen, gerät regelmäßig unter Handlungszeitdruck, weil die Informationssammlung viel zu lange dauert. Man muß also darauf verzichten, alle möglichen Informationen zu sammeln.
- Das menschliche Streben nach Sicherheit hindert den Planer häufig daran, die eigenen Annahme kritisch zu überprüfen, besonders problematisch ist der Umgang mit Zielen. Dörner erarbeitet dabei klare Unterscheidungskriterien und schlägt auch die Prüfung vor, wie Zielkritierien miteinander verknüpft sind. Insbesondere verweist er auch darauf, daß es "implizite" Ziele gibt, die man nicht berücksichtigt, von denen man selbst vielleicht gar nichts weiß.
Er unterscheidet zwischen folgenden Zielgruppen:
- Anstrebens- oder Vermeidungsziele
- allgemeine oder spezifische Ziele
- klare oder unklare Ziele
- einfache oder mehrfache Ziele
- implizite oder explizite Ziele
Im Umgang mit Zielen soll man möglichst bestrebt sein, positive Ziele zu haben, die auch nicht zu global sein dürfen. Andererseits stört eine zu frühe Festlegung eines Endzieles. Bei großräumigen Programmen empfiehlt sich daher eine "Zwischenzielmethode".
Besonders wichtig bei aller Zielgestaltung ist es, gerade auch an diejenigen Situationen und Zustände zu denken, die man beibehalten möchte. Nur dadurch kann man "implizite" Probleme deutlich machen.
Im Umgang mit dynamischen Systemen zeigt sich die besondere Schwäche des Menschen, weil die Dynamik den Umgang mit der Zeigt verlangt und das ist wiederum eine Fähigkeit, die den Menschen nicht angeboren ist. Genau in Systemen muß man die Fragen der positiven und negativen Rückkopplungen prüfen, wobei positive Rückkopplungen gewöhnlich die Stabilität eines Systems gefährden, negative Rückkopplungen zur Aufrechterhalten führen. Bei der Systemprüfung unterscheidet Dörner zwischen kritischen Variablen, das sind die zentralen Variablen eines Systems und "Indikatiorvariablen". Dabei handelt es sich um solche, die das System selbst nur gering beeinflussen, aber den Gesamtzustand gut anzeigen. Um ein System zu steuern, muß man die Zielvariable kennen und wissen, wovon sie kausal abhängt. Man braucht also einen Überblick über das Wirkungsgefüge.
Das Problem ist letztlich als besonders wichtige Methode den "Analogieschluß". Im übrigen weist er ausdrücklich darauf hin, daß es nur wenige allgemeine Regeln gibt, aufgrund deren man sein Handeln einrichten kann. Jede Situation muß neu bedacht werden.
Dörner verweist in diesem Zusammenhang wieder auf die Wirksamkeit der "Großmutter-Regeln".
Er erkennt auch: die Eingriffe müssen fast immer geringer sein als vermutet, aber es müssen immer mehrere Eingriffe an verschiedenen Stellen sein, nicht nur an einem zentralen Punkt.
© Prof. Dr. Beck 1993
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