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Die gedachte Natur
Ursprung, Geschichte, Sinn und Grenzen der Naturwissenschaft
Alfred Gierer
Piper-Verlag
S. 25
Der Bereicht des Lebendigen ... die Reproduktion ... den Stoffwechsel ... die Fähigkeit zu Mutationen
S. 28
"Das Ganze ist mehr als seine Teile" dieser Satz ist nicht mehr ein biologisches Argument gegen physikalische Erklärbarkeit; er ist vielmehr Gesetz mathematischer Systemtheorie, die ihrerseits fester Bestandteil der Wissenschaft pühysikalisch-chemischer Prozesse geworden ist. "Struktur aus Nichts" genauer gesagt: räumlicher Organisation aus annähernd gleichförmigen Anfangsbedingungen dies ist zwar nur einer unter sehr vielen Aspekten biologischer Entwicklung; aber er ist besonders wichtig, ...
S. 28
Selbstgliederung sichert die Verläßlichkeit der Ausbildung komplzierter Strukturen in jeder Generation - .... (W. B.: Warum muß dann der Mensch immer alles von oben her gliedern wollen? Ist nicht auch hier die Selbstgliederung also die Subsidiarität ein weiteres natürliches not- wendiges Merkmal?)
S. 29
Nun ist Selbstorganisation nicht auf den Bereich der Biologie beschränkt. Im Gegenteil, es gehört zu den interessantesten Einsichten der Theorie dynamischer Systeme, ...
S. 32
3. Die Wissenschaft entdeckt ihre eigenen Grenzen
Von Heisenbergs physikalischer Unbestimmtheit zu Gödels Grenzen der Entscheidbarkeit
S. 32
Dies gilt aber nicht, wenn einzelne atomare Ereignisse in makroskopische Dimensionen hinein verstärkt werden. Dann hat nämlich die Unbestimmtheit im Kleinen die Unbestimmtheit im Großen zur Folge.
S. 33
... aus solchen Gründen ist vermutlich die langfristige Wettervorhersage nicht nur praktisch, sondern auch grundsätzlich unmöglich.
S. 33
... sind Prozesse an einzelnen Molekülen der Erbsubstanz DNS und unterliegen deshalb der Unbestimmtheit der Quantenphysik. Hieraus folgt unter anderem, daß die biologische Konstitution zukünftiger Lebewesen auch die aller zukünftigen Menschen nicht nur praktisch, sondern grundsätzlich nicht vorhersagbar ist.
S. 33
Insbesondere läßt sich die Widerspruchsfreiheit eines Systems nicht mit den Mitteln des Systems selbst beweisen.
S. 34
In letzter Konsequenz beruht jedes formale Denken auch auf intuitiven Vor- aussetzungen. (Siehe dazu auch Popper!)
S. 35
Die Endlichkeit der Welt begrenzt auch die wissenschaftliche Lösbarkeit von Problemen.
S. 36
Der größte denkbare Computer kann nicht mehr als 1080 Bauelemente enthalten.
S. 36
... Mindestzeiten für ein stabiles Partikel ist, ... so ergibt sich eine Zahl von um 1040. ... und der ganze Computer (kann) nicht mehr als 1080 x 1040 = 10120 Operationen ausführen, auch wenn er so groß ist wie der Kosmos und so lange rechnet, wie das Weltall als ist.
S. 38
"Einheit in der Natur" heißt also keineswegs, die verschiedenen Erscheinungen der Natur seinen "in Wirklichkeit" "nicht als" Physik, sie bedeutet vielmehr, daß alles Geschehen in Raum und Zeit den gleichen einfachen, abstrakten, dem menschlichen Geist zugänglichen Gesetzmäßigkeiten folgt und auf diese Weise alles mit allem verknüpft ist.
S. 40
5. Die Leib-Seele Beziehung
... ist vermutlich einer vollständigen wissenschaftlichen Theorie unzugänglich.
S. 40
Eine hinreichende Definition ist schwierig, vielleicht prinzipiell unmöglich.
S. 42
Die Theorien der Leib-Seele-Entsprechung sind mit der Gültigkeit der Physik voll vereinbar. Damit ist keineswegs die Behauptung verbunden, seelische Vorgänge seien auf die physikalischen Eigenschaften der einzelnen Nervenzellen reduzierbar.
S. 45
Wenn eine vollständige formale Theorie der Leib-Seele-Beziehung unmöglich ist, so ist kaum jemals eine vollständige objektive Definition von Bewußsein, und daher auch kein eindeutiges Kriterium für Bewußtsein, zu erwarten.
S. 112
Albertus Magnus (1200 1280): "Wenn ich Naturforschung betreibe, interessieren mich keine Wunder."
S. 139
"Ziel der Schöpferkraft der menschlichen Natur ist wieder die menschliche Natur selbst. Indem sie erschafft, gelangt sie nicht aus sich heraus, sondern indem sie ihre Kraft entfaltet, gelangt sie zu sich selbst." "Der Mensch ist nämlich Gott, allerdings nicht schlechthin, da er ja Mensch ist, er ist also ein menschlicher Gott. Der Mensch ist auch die Welt, allerdings n icht auf eingeschränkte Weise Alles, da er eben Mensch ist; der Mensch ist also Mikrokosmos oder eine menschliche Welt."
S. 141
Die verborgene Ordnung der Welt ist nicht in den schwankenden Eindrücken der Sinne, sondern in den ewigen Formen der Mathematik zu suchen.
S. 146
"Nur das absolut Größte ist in negativer Weise unendlich, darum ist es allein das, was es nach all seinen Möglichkeiten sein kann. Das Universum dagegen kann, obwohl es alles umfaßt, was nicht Gott ist, nicht negativ unendlich sein, obwohl er ohne Grenze ist und somit privativ unendlich."
S. 147
"Der Bau der Welt ist so, als hätte sie überhaupt überall ihren Mittelpunkt und nirgends ihre Peripherie, da ihre Peripherie und ihr Mittelpunkt Gott ist, der überall und nirgends ist."
S. 147
Wenn der Kosmos keinen definierten Mittelpunkt hat, so muß es eine Illusion sein, daß die Erde im Mittelpunkt des Universums ruht. Ist sie aber nicht im Mittelpunkt, so ist anzunehmen, daß sie sich bewegt.
S. 148
"Die Erde, die nicht Mittelpunkt sein kann, kann also nicht ohne jede Bewegung sein."
S. 239
Wie schon Heraklit sagte: "Der Seele ist der Logos eigen": aber auch: "Der Seele Grenzen kannst Du nicht ausfindig machen, so tief ist ihr&Mac226;Logos."
S. 239
Im Rahmen der modernen Physik ist die Vorhersagbarkeit künftiger Ereignisse prinzipiell eingeschränkt;
S. 244 Ich möchte solche prinzipiell unüberwindliche Unwissenheit ganz im Sinne des Nikolaus von Kues positiv interpretieren; Sie begründet Freiheit mit Selbstverständis des einzelnen.
S. 247
Allein die Wortgeschichte von "Theorie" ist aufschlußreich. Es heißt "Schau";
S. 250
Religiöse Skepsis erscheint als eine beständige, von der naturwissenschaftliche Entwicklung nicht entscheidend abhängige Strömung der Kulturgeschichte. Andererseits haben sich, wie bemerkt, die Prognosen zum Absterben der Religion nun schon über Jahrhunderte hinweg als falsch erwiesen, und diese empirische Tatsache findet ihre Entsprechung in der erkenntnistheoretischen Einsicht, daß wissenschaftliche Warheit mit agnostischen ebenso wie mit religiösen Auffassungen vereinbar ist. So ist in unserer Gegenwart wohl die Prognose erlaubt, daß weder religiöse nocht nichtreligiöse Weltdeutungen zum Absterben verurteilt sind. Die begründete Erwartung für die Zukunft heißt: Koexistenz auf Dauer.
S. 251
Allerdings zeigt die Geschichte, daß die größen Grausamkeiten unter Berufung auf unverrückbare ideologische und moralische Überzeugungen begangen wurden und daß es gerade der schrankenlose Moralismus ist, der Menschen trennt und ihr Verhalten enthemmt. ... Zum einen, weil Vorstellungen von dem, was moralisch ist, verschieden sind; zum anderen, weil dem biologischen Erbe des Menschen eher eine Mischung von Egoismus und Altruismus entspricht als Treue zu absoluten Prinzipien.
S. 257
Da der Mensch von seinem biologischen Erbe her zu egoistischem wie alsruistischem Handeln fähig ist, hat Ethik dann Chancen, wenn sie ihn fordert, aber nicht überfordert.
S. 259
Eine notwendige Bedingung aber ist eine Wachstumsbegrenzung der Weltbevölkerung in jedem Fall.
S. 259
Der Wert "Menschenwürde" läßt sich nicht jedenfalls nicht verbindlich in einer pluralistischen Gesellschaft aus noch "höheren" Werten ableiten; er impliziert im Gegenteil, daß die Selbstbestimmung und der Schutz menschlichen Lebens keiner vollständigen formalen Begründung zugänglich sind und ihrer auch nicht bedürfen.
S. 260
Zur Natur des Menschen gehört seine genetische Individualität;
© Prof. Dr. Beck 1989
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