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Das vorauseilende Gehirn
Die Evolution der menschlichen Sonderstellung
Christopher Wills
S.Fischer Verlag 1996
Der Autor ist Professor für Biologie an der kalifornischen Universität in San Diego. Sein Forschungsbereich ist die Evolution, insbesondere unter Berücksichtigung der genetischen Entwicklung.
Christopher Wills sieht die Entwicklung des menschlichen Gehirns als eine Art "evolutionäre Rückkoppelung", die das Gehirn, den Körper und die Umwelt erfasst. Die Entwicklung des menschlichen Intellektes mit der Fähigkeit zum aufrechten Gang, zum Werkzeugebrauch oder zur Gruppenkooperation ist danach nur der letzte Schritt einer bereits seit Millionen von Jahren dauernden Evolutionsgeschichte. Das Buch ist sehr weit verzweigt. Dies erleichtert es dem Leser nicht, den roten Faden zu behalten.
Wills sieht die Einzigkeit unserer Evolutionsgeschichte darin, dass wir allein in einen "durchgegangenen Gehirnevolutionsprozeß" hineingerissen wurden. Der Unterschied zu allen anderen Lebewesen, insbesondere zu den Schimpansen, besteht unter anderem darin: Das Schimpansengehirn und das menschliche Gehirn sind etwa gleich groß, wenn die Babys auf die Welt kommen, nämlich etwa 350 ccm. Das Schimpansengehirn wächst nur noch mäßig, nämlich um 100 ccm innerhalb eines Jahres. Das menschliche Gehirn hingegen vervierfacht sein Gewicht noch. Bei einem Vierjährigen hat sich das Gehirnvolumen seit der Geburt verdreifacht. Es wächst noch bis zum Alter von 10 Jahren. Das menschliche Gehirn durchläuft daher den größten Teil seiner Entwicklung außerhalb des Uterus. Während der längsten Zeit seiner Gehirnentwicklung wird daher das menschliche Kleinkind mit Reizen aus der Außenwelt bombardiert. Das Entscheidende ist daher der "kulturelle Wandel" der auf das menschliche Gehirn in einer Weise einwirken kann, wie auf kein anderes Gehirn. Diese Einwirkungsmöglichkeit führt zu einer Rückkoppelung: Diese Einwirkungen beanspruchen das Gehirn. Nur Gehirne, die diese Einwirkungen verarbeiten können,sind überlebensfähig; Die Verarbeitung schafft neue Reize die ihrerseits wiederum das Gehirn weiter entwickeln. In dieser Einzigartigkeit liegt auch die Einzigartigkeit der menschlichen Evolution.
Wills untersucht den Anschein der "Zielgerichtetheit" in der Evolution. Vielleicht, so meint er, können wir den Anschein der Zielgerichtetheit deswegen nicht aus unserer Sprache tilgen, weil wirklich Zielgerichtetheit vorliegt. Er untersucht zur Prüfung der Frage den Prozeß der Evolution. Die Formulierung des Menschen als "Ziellinie der Evolution" ist von unserem Dünkel erfunden. In der Evolution gibt es eine solche Ziellinie nicht.
Der Selektionsdruck auf das menschliche Gehirn nach der Geburt artikulierte sich in intellektuellen Herausforderungen, nicht in körperlichen. Heute ändert sich die Umwelt mit furchterregender Radikalität von Generation zu Generation. Der Anspruch an das Gehirn wird immer stärker. Vielleicht ergibt sich daraus die Abkehr von der Vernunft für alle diejenigen, die diesem Anspruch nicht gewachsen sind. (Allein diese umfassenden Ansprüche an das Gehirn zeigen im übrigen schon, daß der Mensch von heute jedenfalls keine Planungsfähigkeit für die Zukunft hat, WB).
Der Umweltwandel ist etwas Einzigartiges. Es gab eine solche Entwicklung in der Geschichte dieses Planeten bisher noch nicht. Nie gab es eine solche zunehmende Beschleunigung des Wandels.
Wills untersucht die Evolution im Gehirn anhand der Evolution der Chromosomen.
Dazu greift er auf die Entstehung zurück. Alle vielzelligen Pflanzen und Tiere besitzen Mitochondrien und gehen auf Urwirtszellen zurück vor etwa 2 Milliarden Jahren. Mitochondrien werden vererbt und zwar über das Zytoplasma. Zytoplasma wiederum wird aber nur von der weiblichen Samenzelle vererbt, der männliche Samen hat praktisch kein Zytoplasma. Mitochondriale Basen gehen genetisch keine Rekombination miteinander ein. Jedes mitochondriale Chromosom jedes Menschen enthält deshalb eine Aufzeichnung von dessen Evolutionsgeschichte. Heute kann man davon ausgehen, daß die "mitochondriale EVA", also die Urmutter, vor etwa achthundertausend Jahren gelebt hat. Wahrscheinlich war dies in Afrika.
Bei Untersuchung der Gene stellt man häufig fest, dass nur ganz wenige Gene entscheidend sind für optisch erhebliche Unterschiede. Wills ist deshalb der Meinung, dass die Neandertaler sich als Mitglieder unserer Spezies erweisen werden. Wer würde schon die heute verschiedenen Hunderassen in ein paar hunderttausend Jahren, wären sie bis dahin ausgestorben, noch einer Art zuordnen, wenn man ihre völlig verschiedenen Schädelformen betrachtet?
Wills untersucht dann alle diejenigen, die eine Zielgerichtetheit der Evolution annehmen, ob dies nun Wallace ist als Miterfinder der Evolutionstheorie, Pierre Teilhard de Chardin oder Eccles. Aber, so Wills: Das Offensichtliche ist nicht immer das Wahre. Seiner Meinung nach gibt es eine widerspruchsfreie und durchaus herkömmliche neodarwinistische Erklärung für die Evolution des Menschen. In diesem größten Teil des evolutionären Wandels steckt aber nicht die natürliche Selektion, sondern der Zufall. Dies hat sich durch die umfangreichen Untersuchungen von Kimura bestätigt. Die Selektion spielt vorwiegend eine passive Rolle. Sie ist der Gärtner der jätet, aber nicht anpflanzt.
Im Genom des Menschen gibt es 3 Milliarden DNA-Basen. Zwischen dem Menschen und dem Schimpansen gibt es 30 Mio. Basenunterschiede. 99 % davon sind neutrale Allele. Es bleiben also letztlich etwa 300.000 Unterschiede, die die Änderung der letzten 7,0 Mio. Jahre herbeigeführt hat. Zwischen zwei beliebigen Menschen ist ein Unterschied von 1/10 % der DNA, daß heißt, etwa 3,0 Mio. Unterschiede, bei Brüdern etwa die Hälfte, also 1,5 Mio. Geht man auch hier wieder davon aus, daß etwa 99 % neutrale Allele sind, heißt es, dass die echten Unterschiede auf der DNA-Basis 30.000 oder 50.000 sind, bei einer Anzahl von 3,0 Mrd.
Bei ganz konkreten Merkmalen sind immer nur wenige Unterschiede von Bedeutung. Dies wird wohl auch für das menschliche Gehirn gelten. Nicht die Gene sind einzigartig, die die Entwicklung des Gehirns steuern, sondern die einzigartige Beschaffenheit des Gehirnes selbst.
Waddington hat festgestellt, dass Umweltbelastungen die Expression des genetisch belegten Teils der phänotypischen Variation steigern. Das Erbgut eines Tieres entscheidet also darüber, welchem Selektionsdruck es ausgesetzt sein wird. Sobald die Organismen von neuen Umweltbedingungen ausgehendem Streß ausgesetzt sind, verfestigen sich die genetischen Unterschiede, die wiederum Ansatzpunkte für die natürliche Selektion bieten.
Auch das Gehirn verschiedener Menschen reagiert auf die selbe Streßbelastung unterschiedlich. In der Entwicklung haben eben diejenigen Gehirne überlebt, die auf die Reizflutung besser antworten konnten als andere. Der Waddingtoneffekt ist dann ein Teil des Mechanismus, der das Gehirn in die Bahn zum Menschtum kapitulierte.
Frage ist, wie das Gehirn mit dem Ansturm der Information fertig werden kann. Der Selektionsdruck auf das Gehirn von den ersten Amphibien über die Vögel bis hin zu den Warmblütern war unerbittlich. Die Welt wurde immer komplexer.
Nur 5,0 Mio. Neuronen melden Informationen von den Sinnesorganen zum Zentralnervensystem. Mindestens 100 Mrd. befinden sich im Gehirn und Rückenmark. Die weitaus meisten von ihnen sind mit der internen Informationsverarbeitung beschäftigt, nicht mit der Aufnahme von äußeren Reizen. Bei den Ratten ist dieses Verhältnis innere Information zum äußeren Reiz 1:20. Bei den Menschen ist es 1:20.000. Dies sind die wesentlichen Unterschiede zwischen uns und den dummen Vorfahren.
Eines dieser Unterscheidungsmerkmale ist auch der sogenannte Enzephalisationsgrad. Er bedeutet das Größenverhältnis zwischen Gehirn und Körper. Im Vergleich mit allen Primaten haben wir Menschen ein 3x so großes Gehirn, wie es ein durchschnittlicher Primat sonst hat.
Unser Gehirn ist auf der allerjüngsten Stufe eines langwierigen Evolutionsgeschehen angesiedelt. Möglicherweise ist im Gefolge der Genduplikation bei uns eine Hirnduplikation im Gange? Unser Gehirn ist viel anpassungsfähiger als unser Magen. Wäre dessen Anpassungsfähigkeit genausogut wie das Gehirn, dann könnte er lernen, Zellulose und Konserven zu verdauen.
Treibsatz für die durchgegangene Gehirnevolution könnte die Sprache sein.
Unser Gehirn trennt von anderen nicht die Fähigkeit zu jonglieren, sondern die Zahl der Bälle, die wir gleichzeitig in der Luft halten können. Schimpansen entnehmen ihrer Umwelt nicht soviele Informationen wie wir. Sie sehen die Sterne, aber sie betrachten sie nicht.
Wir haben also zwei Punkte, in denen wir uns von den Primaten unterscheiden:
Wir können mehr Informationseinheiten selektieren aus der Umwelt und
wir können diese Informationen willkürlich ausblenden, die Umwelt ignorieren.
Wir haben den Luxus der Konzentration.
Das Gehirn will lernen und es überwindet fast jedes Hindernis, das sich ihm bei der Verfolgung dieses Zieles in den Weg stellt. Denn Lernen ist die Zweckbestimmung des Gehirns.
Die Gehirnevolution kann uns aus dem Kerker unserer Gene befreien. Wir sind heute zu intelligent, um uns bis zur Selbstausrottung fortzupflanzen oder um uns in die Luft zu jagen. Zentralthema der langen Familiengeschichte der menschlichen Spezies, ist die Selektion für Intelligenz, nicht für Dummheit.
© Prof. Dr. Beck 1996
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